Veranstaltungen 2008


Leserbrief

zum Artikel „Reese lässt Juden nicht zu Wort kommen“ v.10.11.08, Schaumburger Nachrichten

Was für Überschriften! „Juden das Wort verweigert“ auf Seite 1 , „Skandal bei Pogrom-Gedenkfeier“ – der unbeteiligte Leser darf vermuten, dieser Gedenktag  wäre in Bad Nenndorf nicht würdig und angemessen begangen worden.

Mein Eindruck war ein ganz anderer: am Freitag ,7.11., wurde das stadteigene Grundstück, auf dem der Gedenkstein steht, vom Laub befreit . Die inzwischen verblühten Blumen am Stein wurden heruntergeschnitten und der Stein selbst gründlich gereinigt. Am Sonntag, 9.11. fand um 10.00 Uhr ein Gottesdienst des Erinnerns in der St. Godehardi- Kirche statt, der gut besucht war und bewegend die Aspekte des Gedenkens an die Opfer des Naziterrors darstellte. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sprachen und sangen gemeinsam mit Pastorin Lambrecht und den Besuchern des Gottesdienstes. Das Bündnis gegen Rechtsextremismus erinnerte an die persönlichen Geschichten der Nenndorfer Juden, die bis Ende 1937  hier verfolgt, gewaltsam vertrieben und später ermordet wurden – die Pogromnacht vom 9.11.38 fand in Bad Nenndorf deshalb praktisch nicht statt, weil der Ort zu diesem Zeitpunkt schon „judenfrei“ war. Nach dem Gottesdienst gingen viele Besucher gemeinsam zum Gedenkstein in der Kurhausstraße. Schüler des Gymnasiums, die sich gemeinsam mit ihren Lehrern sorgfältig auf diesen Tag vorbereitet hatten, untermalten trotz des kalten Windes musikalisch eindrucksvoll die Feierstunde. Weitere junge Menschen trugen ihre Gedanken und Gefühle zu diesem Tag vor- und zu den Lehren, die wir alle daraus ziehen können.

(der SN-Artikel gibt den Ablauf der Veranstaltung anschaulich wieder). Über 100 Menschen nahmen teil –doppelt so viele wie im letzten Jahr, darunter etliche Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Für diese war es ein Schock, als klar wurde, daß Samtgemeindebürgermeister Bernd Reese die Veranstaltung beendet, ohne daß die Vorsitzende der Gemeinde, Frau Jalowaja, zu Wort kommt. Sie hatte auf allen bisherigen Gedenkveranstaltungen in Bad Nenndorf zum 9.11. gesprochen. Auch der Redebeitrag des Bündnis gegen Rechtsextremismus durfte nicht vorgetragen werden – in den vergangenen 2 Jahren war das problemlos möglich, genau wie persönliche Worte einzelner Bürger.
So endete bei vielen Teilnehmern in Irritation und Bestürzung, was so engagiert und lebendig begonnen hatte.

Warum der Stadtdirektor so gehandelt hat, ist mir nicht klar. Der Vergleich mit dem Volkstrauertag  ist formalistisch und nicht überzeugend. Als Veranstalter hat er natürlich das Recht, die Rednerliste zu beschränken. Weder das Wetter noch einbrechende Dunkelheit  erforderten jedoch einen Abbruch der Gedenkfeier zu diesem Zeitpunkt. Auch wurde weder der Jüdischen Gemeinde noch dem Bündnis (trotz persönlicher Gespräche kurz vor dem 9.11.) mitgeteilt, daß vom bisherigen Verlauf  der Veranstaltung abgewichen wird. Ein respektvoller Umgang miteinander sieht anders aus!

Schade ist es für uns alle, die sich an der Vorbereitung dieses Tages beteiligt haben, daß in der öffentlichen Wahrnehmung ein fader Beigeschmack zurückbleibt („Skandal bei Pogrom-Gedenkfeier“). Dennoch überwiegt für mich die Gewißheit, daß viele Menschen in Bad Nenndorf über Glaubens –und Parteigrenzen hinweg  sich gemeinsam würdig erinnert haben, welches Elend der Faschismus über Deutschland und die Welt gebracht hat und sich einig sind, daß so etwas nie wieder geschehen darf. Wehret den Anfängen! Schluß mit den Nazi-Aufmärschen!

Jürgen Uebel, Bad Nenndorf

12.11.2008


Reden zum 9. November 2008 – 70. Jahrestag der Reichspogromnacht


Liebe Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freunde,

Heute möchten wir uns an 70. Jahrestag der Reichskristallnacht am 9. November 1938 erinnern!

Wir möchten an die Schoah-Opfer gedenken und sich in einer Zeit von wieder erstarkenden rechtsextremen Parteien ein Zeichen gegen „Faschismus und Antisemitismus“ setzen. Wir möchten das Gedenken an die Verbrechen der Nazi-Zeit wach zu halten.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fand ein von den Nationalsozialisten organisiertes und durchgeführtes Massenpogrom gegen die jüdischen Mitmenschen statt: Mehr als 1300 Synagogen und Kultureinrichtungen wurden zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert und mehr als 25 000 Jüdinnen und Juden allein in dieser Nacht verhaftet, gefoltert, ermordet.

Dies war Fanal für die 1942 beschlossene „Vernichtung der europäischen Juden“ der die brutale Stigmatisierung und vollständige Verdrängung jüdischer Menschen aus allen Bereichen des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens vorausging.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die deutsche Bevölkerung auf die Probe gestellt. Sie alle hätten an diesem 9. November 1938 die Chance gehabt, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und eine Rückkehr zu einem zivilisierten Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zu ermöglichen. Wie wir wissen, geschah genau das Gegenteil.

70 Jahre später wissen wir, dass die Wegstrecke vom Novemberpogrom zur systematischen, staatliche angeordneten Vernichtung von unschuldigen Menschen unvorstellbar kurz war. Inzwischen wissen wir auch, dass trotz des erlittenen Leids und Millionen Toter ein Neuanfang nach dem Krieg möglich war.
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde ein glaubhafter Neubeginn vollzogen. Diese Einschätzung erwies sich in den vergangenen Jahrzehnten als richtig. Bei allem Vertrauen in die demokratische und rechtstaatliche Ordnung Deutschlands gab und gibt es jedoch immer wieder Anlass zur Sorge. Hier wie im übrigen Europa ist der Antisemitismus nach wie vor virulent.

Ein Berliner Bischof sagte: „Weil es für die meisten keine lebendige Erinnerung ist, müssen wir etwas dafür tun, dass es trotzdem im Gedächtnis bleibt.“ Es sei viel Einsatz nötig, um den Tag nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und dafür einzutreten, dass sich Vergleichbares niemals wiederholt.

So möchte ich abschließend im Gedenken an das Schicksal von allen Opfern und Leidtragenden des Holocaust sowohl den Vertretern der Samtgemeinde Nenndorf, Vertretern der evangelischen Kirche, allen Schülern und Gymnasiasten, die heutige Veranstaltung organisiert und mitgestalten haben, als auch allen Leuten, die heute gekommen sind, für ihren Einsatz in ihr Geschichtsbewusstsein danken.
Ich danke Ihnen.

Marina Jalowaja, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Nenndorf e.V.



70 Jahre – ein Menschenleben nach dem 9. November 1938, sind wir hier zusammen gekommen, um der damaligen Ereignisse zu gedenken, die das Fanal und den Auftakt zu Verfolgung und Vernichtung bildeten, zunächst an Deutschen jüdischen Glaubens, dann aller Juden, derer die Nationalsozialisten mit ihrer Vernichtungsmaschinerie habhaft werden konnten.

Nicht nur nach einem Menschenleben, nein, nach keinem Menschenleben dürfen wir und unsere Nachkommen jemals vergessen, was sich an jenen Novembertagen in Deutschland, in Schaumburg ereignete.
An diesem 9. November, nach der bereits schrittweise vollzogenen Entrechtung wurde die Grenze zur Gewalt gegen Juden unwiderruflich überschritten.
Sie wurden gedemütigt, gequält, geschlagen, verschleppt und ermordet.
Die Bevölkerung sah dabei  - bis auf wenige Ausnahmen  - tatenlos zu oder billigte und begrüßte die Barbarei.

In Bad Nenndorf wurden die hier ansässigen Juden bereits in den Jahren zuvor – seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten – von ihren „Mitbürgern“ schikaniert, diffamiert und denunziert – ihr Leben wurde ihnen zur Hölle gemacht – selbst vor Mordanschlägen wurde nicht zurück geschreckt.
1938 war Bad Nenndorf dadurch bereits „judenfrei“.
Auch die zuvor existierende Gemeinde jüdischer Kurgäste gab es nicht mehr.
Bis auf Dr. Ernst Blumenberg hat keiner der Nenndorfer jüdischen Glaubens den NS-Terror überlebt.
Sie starben in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Ich nenne an dieser Stelle, denn der Gedenkstein nennt sie nicht:
Alfred Jacobssohn
Franziska Jacobssohn
Frieda Weitzenkorn
Kurt Hirsch
Jeanette Apolant
Franziska Kahn

Nur Dr. Ernst Blumenberg gelang es durch Flucht nach Schanghai, der Vernichtung zu entkommen.
Wir wollen den heutigen Tag zum Anlass nehmen, die damaligen Opfer der Vergessenheit zu entreißen und ihnen wieder Namen zu geben.

Es kann nicht angehen, dass in Bad Nenndorf Straßen nach Steigbügelhaltern der Nazis benannt sind, wie dem alle Zeiten überdauernden Nazikollaborateur Conrad Bock, oder dem Totengräber der Republik, Paul von Hindenburg – während die Opfer in der Anonymität bleiben.

Wir fordern sichtbare Zeichen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Bad Nenndorf.
Wurden schon nicht die lokalen Täter zur Rechenschaft gezogen, sondern konnten nach dem Ende der NS-Herrschaft unbehelligt in Bad Nenndorf weiterleben, gebührt den Opfern ein würdiges Andenken.
Setzen wir damit sichtbare Zeichen.

Tatenlosigkeit und Desinteresse, politische Apathie und fehlende demokratische Gesinnung führten zu den Untaten des NS-Regimes.

Tatenlosigkeit und Apathie machen es heute möglich, dass Neonazis in geschichtsklitternder und –verfälschender Weise alljährlich Bad Nenndorf zum Aufmarsch- und braunen Wallfahrtsort machen können.
Lernen wir endlich aus der Geschichte.

Seien wir aktiv und wachsam, leisten wir Aufklärung und Widerstand, denn „die Wurzeln sind in den Verfolgern zu suchen, nicht in en Opfern“, wie es Theodor W. Adorno in seiner Schrift „Erziehung nach Auschwitz“ formuliert hat.

Dietmar Buchholz, Sprecher Bad Nenndorf ist bunt

12.11.2008

Nächster Termin

Dienstag, 28.Oktober, 19.00 Uhr:

Was geschah wirklich im Wincklerbad?

Neue Erkenntnisse zur Geschichte des britischen Verhörzentrums in Bad Nenndorf 1945-1947.

Referent: Guido Scholl, Journalist.
Ort: Hotel Hannover, Hauptstr.9, Bad Nenndorf.
Veranstalter: DGB Nds.

Neonazis, Mitglieder rechtsradikaler Organisationen und deren Anhänger haben zu dieser Veranstaltung keinen Zutritt!